Der Untergang der „City of Vera Cruz“

Wilhelm Hermann August Büge ist seit dem 5. Februar 1873 mit Caroline Friederike Auguste Lange in Jasenitz, Kreis Randow verheiratet. Er fährt als Heizer zu See. Die Eltern von Caroline (meine 3x Urgroßtante) sind Johann Friedrich Wilhelm Lange und Anna Christine Manthe, meine 4x-Urgroßeltern in meiner Mutterlinie.

Heizer auf einem Dampfschiff zu sein, ist einer der schwersten Berufe überhaupt. Die Temperatur in den Kesselräumen eines Dampfschiffes liegt zwischen 40° und 60° und ist anstrengend und gefährlich. Ein Heizer lebt während seiner Schicht im dauernden Fieberzustand.

Tief im Bauch des Schiffes ist es dunkel und die Luft ist voll mit dem schwefelhaltigen Rauch der verbrennenden Kohle. Alle paar Minuten muss ein Heizer Kohle in das heiße Feuer des Kessels schaufeln. Je schneller ein Heizer arbeitet, um so schneller fährt das Schiff. Ein geübter Heizer verfeuert bis zu 750 kg Kohle in der Stunde. Zu seinen Aufgaben gehört auch das Schüren und Auskratzen der Asche.

Es ist ein schrecklicher Arbeitsplatz! Hier arbeitet Wilhelm Hermann August Büge.

Am Nachmittag des 15. August 1880 legt das 1874 erbaute Dampfschiff City of Vera Cruz mit 28 Passagieren und 49 Besatzungsmitgliedern an Bord vom Pier 3 in North River, New York mit dem Ziel Havana, Cuba ab. Der Kapitän Edward van Sice kann auf viele Jahre Erfahrung auf Handelsschiffen im Golf von Mexiko zurückblicken. Ihm zur Seite steht der erste Maat Frank Harris, Kapitän des konföderierten Schmuggelschiffs Kingfisher im Amerikanischen Bürgerkrieg. Der berühmteste Passagier an Bord ist General A. T. A. Torbert, Unions-General der Infanterie und Kavallerie im Amerikanischen Bürgerkrieg.

Im Frachtraum lagern 1000 Fässer Kartoffeln, 500 Fässer Fisch, 800 Terz (42 Gallonen Fässer) Schmalz und 500 Scheffel Getreide. An Bord befinden sich außerdem ein Waggon für die Mexikanische Central Railway und einige andere zerlegte Fahrzeuge. Weiterhin die Ladung aus Kerzen, Glasware, Feuerwerkskörpern, Wein, Bier, Pistolen und Karabinern, Uhren, einem Billardtisch, Korsetts, Maschinen und Pferden und zahlreiche Säcke mit Post.

Am Samstagabend, den 28. August 1880 befindet sich die City of Vera Cruz etwa 30 Meilen vor Floridas Küste, zwischen Port Orange und Cape Canaveral, als ein schwerer Wirbelsturm aufkommt.

Meterhohe Wellen rollen gegen das Schiff. Sie werden schließlich so hoch, dass sie über dem Schiff zusammenschlagen. Wasser dringt in den Frachtraum, Besatzung und Passagiere versuchen gemeinsam, es aus dem Schiff zu pumpen. Doch die Arbeit ist völlig sinnlos, wieder und wieder dringt Wasser ein. Dann ist auch der Maschinenraum betroffen, das Wasser bringt das Feuer im Heizkessel zum Erlöschen. Die Heizer arbeiten mit aller Kraft, aber vergebens.

Kein Feuer – kein Dampf – der Bug kann nicht mehr im Wind gehalten werden!

Die Männer arbeiten bis zur Erschöpfung, alle beten um ihrer aller Leben. Das Schiff schaukelt zwischen den Wellenbergen hin und her, in den Wellentälern bricht das Wasser über ihm herein. Jeder hofft, dass der Sturm nachlässt und die Sonne aufgeht.

Doch auch am Morgen bessert sich die Situation nicht. Man entschließt sich, das Schiff zu verlassen. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis das Schiff vollgelaufen sein wird.

Ein Rettungsboot wird zu Wasser gelassen. Mitglieder der Besatzung und einige Passagiere steigen ein.

Als das Boot voll besetzt ist, wird das Signal zum Herunterlassen gegeben. Das Boot geht in die Tiefe, wird von einer Welle erfasst und gegen die Bordwand geschleudert. Diejenigen, die dabei nicht sofort sterben, ertrinken in den Fluten. Auch das nächste Boot zerschellt auf die gleiche Weise und auch die Insassen dieses Bootes lassen ihr Leben auf die gleiche Weise.

Diejenigen, die sich noch an Bord befinden sind wegen der Szenen, die sie mit ansehen mussten und der Schreie der Ertrinkenden, die sie gehört hatten, nun in noch größerer Panik. Sie weigern sich, in eines der noch bereitstehenden Rettungsboote zu steigen. Männer und Frauen an Bord bleibt nicht mehr, als zu beten. Sie schreien vor Entsetzen, schreien um ihr Leben.

Jede neue Welle schüttelt die City of Vera Cruz hin und her. Das stabile und starke Schiff kann sich nicht mehr wehren. Gegen 5.30 Uhr am Morgen des 29. August 1880 hört man ein Knacken, so als ob Holz auseinander bricht und ein Ruck geht durch das Schiff, es bricht komplett in zwei Teile. Zwei stampfende Geräusche, Wasser dringt in das weit offene Schiff ein und innerhalb der nächsten Minute sinkt die City of Vera Cruz in die Tiefe.

Die Männer und Frauen werden in die Tiefe gerissen. Manche schaffen es zurück an die Wasseroberfläche, greifen nach umher schwimmenden Gegenständen. Wer von diesen Teilen getroffen wird, geht abermals unter und taucht nicht wieder auf. Manche, die sich zunächst an Planken festhalten konnten, sind schließlich doch zu erschöpft und werden von der tosenden See erfasst ertrinken.

General A. T. A. Torbert erreicht noch lebend das Land, doch für ihn kommt jede Hilfe zu spät. Weitere Personen werden lebend oder tot an den Strand gespült. Postsäcke und Kisten werden an den darauf folgenden Tagen gefunden.

Der Leichnam von Wilhelm Hermann August Büge wird nicht gefunden. Er lässt sein Leben auf See! Wie so viele Seeleute. Seine Frau Caroline erfährt erst fünf Monate später von seinem Tod.

Wilhelm Büge
Sterbebuch der ev.-lu. Kirchengemeinde Jasenitz, Kreis Randow

Der Heizer Wilhelm Hermann August Büge aus Jasenitz ist laut einer Anzeige des Kaiserlich Deutschen General-Consulats in New-York beim Untergang des Dampfers City of Vera Cruz auf der Reise von New-York nach Havana am 29. August 1881 im Alter von 31 J. 6 M. 23 T. ertrunken. Die Sterbedanksagung hat in der Kirche zu Jasenitz am 5. Sonntag nach Epiph. am 6. Februar stattgefunden.

Nur sieben Personen überleben dieses Unglück:

Charles Brandenburg, erster Steuermann
Thomas Drumgold, vierter Maschinist
John Greenfield, Matrose
James Kelly, Matrose
A. K. Owen, Passagier
Charles (Carl) Smith, zweiter Maschinist
Mason Talbot, Matrose

Von diesen Überlebenden gibt es teilweise detaillierte Berichte über das Unglück.

Aus The Evening Telegram, New York, Friday, September 3, 1880, Third Edition five o’clock eine Liste der ertrunkenen Passagiere:

Arrue, Rafael
Arrue, Mrs. R.
Atteridge, Alexander W.
Atteridge, Alexander W., Jr.
Betchie, Walter
Bosque, Adolpho
Burns, Miss E.
Clark, Miss A.
Cole, George W.
Fay, Miss Sadie
Fuentes, Edward
Garcia, J. A.
Glashof, H.
Gledhill, John
Gourlay, John
Hernandez, Felipe
Hernandez, Mrs. S.
Littlefield, E.
Martinez, A. Rodriguez
Owen, A. K. [überlebte]
Ravensburg, J., of Bermuda
Silva, O. P.
St. Mamer, F. S.
Torbert, General A. T. A.
Welsh, M.
Welch, Mrs. M.
Welch, — (Child)

Liste der Offiziere und Besatzung:

Captain – Edward van Sice
First Mate – Frank M. Haines
Second Mate – S. E. Whitney
Purser – H. Miller Carpenter
Chief Engineer – E. Drone
First Assistant Engineer – C. Smith [überlebte]
Second Assistant Engineer – F. Louis Steward

Barr, Frederick, seaman, Germany
Beige, coal passer, Germany
Brown, J., coal passer, Ireland
Casey, Dennis, messman, New York
Connell, John, coal passer, Ireland
Dowd, P., coal passer, Ireland
Duffy, John, fireman, Ireland
Eilers, John, fireman, Germany
Flynn, Thomas, waiter, Ireland
Gagil, Ferris, waiter, Ireland
Greensfield, P., seaman, Germany [überlebte?, siehe oben]
Green, Frank, seaman, Irland
Haubist, A., fireman, Germany
Henderson, W., baker, New York
Kelly, James, seaman, New York [überlebte]
Kouhn, John, fireman, Germany
Kunze, D. G., seaman, Denmark
Lane, Edward, cook, New York
Maurice, P., pantryman, Italy
Mooney, Gilbert, waiter, Ireland
McIllarney, T., cook, Ireland
Ney, John, coal passer, Ireland
Olku, John, waiter, Spain
O’Toole, Thomas, waiter, New York
Petro, George, seaman, Portugal
Selnoeni, J. second steward, New York
Sheehan, John, coal passer, New York
Silke, H. seaman, Germany
Smith, J., seaman, England
Smith, George, deck boy, New York
Slavin, M., cook, New York
Stewart, E., stewardess, New York
Talbot, Mason, seaman, England [überlebte]
Thoenton, T., porter, New York

Erst 1980 finden Fischer zufällig das Wrack, ohne genau zu wissen, worum es sich handelt. Ein erfolgreicher Schatzsucher erfährt davon und teilt diese Neuigkeit der Sea Research Society, Irmo, South Carolina mit. Der Unterwasserarchäologe Dr. E. Lee Spence, Präsident der Gesellschaft kann das Schiff identifizieren.

In den 1980er Jahren tauchen mehrere Gruppen unter seiner Leitung zu dem Wrack. An Bord sollen sich wahre Schätze verbergen, die heute sicher viel Geld wert wären, auch Gold und Edelsteine, sowie sicher auch Schmuck der Passagiere. Es werden zwar einige Artefakte geboren, doch vom Tresor fehlt bis heute jede Spur.

Bis heute ist das Wrack, das in etwa 25 Meter Tiefe liegt, ein beliebtes Tauchziel.

Ein Tauchgang zum Schiff auf youtube.

Internetseite und Facebook-Seite in englischer Sprache über die Geschichte und Bergung der City of Vera Cruz von  E. Lee Spence.

***
Quellen:

Sterbebuch der ev.-lu. Kirchengemeinde Jasenitz, Kreis Randow, Pommern, Kopie des Eintrags aus dem Staatsarchiv Stettin, Ksiegi metrykalne, syg. 37, Seite 296
Old Fulton NY Post Cards (Fultonhistory) – Stichwort „City of Vera Cruz“ 1880, darin die überarbeitete Liste der ertrunkenen Passagiere und Besatzungsmitglieder, erschienen in The Evening Telegram, New York, Friday, September 3, 1880, Third Edition five o’clock p.m.
Shipwrecks of Florida: A Comprehensive Listing, von Steven D Singer, 1998, eine nicht vollständige Vorschau von: http://www.books.google.de
Sea Research Society, hier Wreck of the SS City of Vera Cruz
Beruf des Heizers: Wikipedia und FAZ-Themenarchiv zum Thema „Das Wettrennen über den Atlantik“
A. T. A. Torbert

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Ein Gedanke zu “Der Untergang der „City of Vera Cruz“

  1. Super geschrieben, ehrlich. Da kriegt man glatt eine Gänsehaut.
    Ich bin mal in Cape C. gewesen (und habe mir aus ein paar Kilometern einen Space-Shuttle-Start angeguckt) – hätte ich da die Geschichte schon gekannt…

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