Heiliger Abend auf dem Oderkahn

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Wir liegen mit unserem Kahn in Küstrin und warten auf gute Nachricht. Gute Nachricht, das heißt für uns, freie Fahrt bis Stettin. Wenn wir erst dort sind, dann haben wir Zeit, dann mag die Oder vollends im Eise erstarren. Und während wir untätig sitzen und warten, schwimmen die schweren und breiten Schollen klirrend und klingend an uns vorbei und poltern zuweilen dumpf gegen den schwarzen Leib des Kahnes. Spät erst kommt der Schiffer zurück und macht ein betrübtes Gesicht. Er sagt nichts und zuckt nur die Schultern. Aber wir wissen Bescheid.

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Wir stehen vorn auf dem Kahn, rauchen unsere Pfeifen, spucken von Zeit zu Zeit in das nebelqualmende Wasser, bis in der Ferne ein kleiner Schleppzug erscheint. Gewiß, die Kähne sind leer und klein und haben nur wenig Tiefgang, aber wenn die durchgekommen sind, werden wir es wohl auch noch schaffen. Unser Schiffer will nicht so recht ran aber wir anderen reden ihm zu. Er ist in den Kahn zu der Frau gegangen und bespricht nun die Sache mit ihr. Als er wiederkommt, nickt er nur kurz und knöpft sich die grüne Jacke bis unter den Hals fest zu. Wir anderen stehen schon fertig am Anker, am Ruder und werfen die Taue los. Der Junge schleppt die langen Stangen nach vorn. Wir werden sie brauchen können, wenn wir noch bis zum Heiligen Abend in Stettin festmachen wollen.

Wir sind die ganze Nacht nicht aus den Sachen gekommen. Unheimlich schmal ist die schwarze Rinne. Das Eis klebt in dicken Brocken am Kahn. Der Schiffer hat uns heißen Kaffee und Grog und Stullen gebracht. Zum Essen bleibt nicht viel Zeit. Das Eis macht uns schwer zu schaffen. Die Sonne ist als kupferrote Scheibe über die Oderhöhen gerollt, steht einige Stunden noch blaß und kühl hinter dem blauen Rauch der Täler und taucht dann tief in die bleigrauen Wolken. Wir machen wieder ganz gute Fahrt, und wenn alles klappt, so sind wir doch noch am Heiligen Abend in Stettin. Wenn wir nur erst die flachen Stellen vor Greifenhagen hinter uns hätten, wo sich das Treibeis zusammenschiebt und wie eine Mauer fest auf den Grund legt. er Schiffer kennt diese Stellen alle. Ich selbst weiß eigentlich nicht wie das kommt, weil ich das erste Jahr auf dem Kahn bin. Ein SA-Kamerad in Stettin hat mir die Stelle besorgt. Bei der christlichen Seefahrt war damals wenig zu haben. Aber das Kahnschiffern macht auch viel Spaß, nur müßte es immer Frühling sein.

Bei Nipperwiese haben wir Eis unterm Kiel. Das gibt einen mächtigen Ruck und rumpelt und bullert und kracht und knirscht. Die Frau kommt aus dem Wohnraum gestürzt, hält sich die Ohren zu und schreit. Der Junge ist von dem Dach geflogen, und mich hat es auch an das Ruder gehauen, daß mir Hören und Sehen vergeht. Aber der Kahn hatte gute Fahrt und kommt wieder frei.

Wir sind ganz munter und obenauf. Es wird spät werden, bis wir Stettin erreichen. Die Krähen fliegen schon wieder ins Holz, und der Nebel friert auf den Planken. Die Luft ist diesig und dunkelgrau. Der Junge steckt die Laterne an, und wir gehen wieder zwei Mann nach vorn. Immer wieder rennt uns der Kahn in das Eis. Einmal müssen wir uns wie ein Kreisel drehen. Die Schultern sind durchgedrückt von den Stangen, und die Haut an den Händen ist aufgeplatzt.

Nun ist es dunkel geworden; wir gleiten dicht am Ufer entlang und sehen ein kleines Haus. Hinter dem hellgelben Fenster brennt schon der Lichterbaum. Der Junge ist 16 Jahre alt, aber er heult leise vor sich hin. Und auch wir passen wohl nicht mehr richtig auf, denn plötzlich läuft uns der Kahn aus dem Ruder und prasselt wohl 20 Meter und mehr in das Ufereis. Dazu beginnt es heftig zu schneien.

„Gute Nacht“, sagt der Schiffer und winkt mich heran; wir werfen beide den Anker aus und gehen dann in den warmen Raum. Der Junge sitzt schon am Ofen und trinkt Kaffee, reibt sich die blauen Ohren, leckt sich die zersprungenen Hände und heult noch immer vor sich hin. Die Frau hat ihr kleines Bäumchen aus der Kajüte geholt, stellt es auf den niedrigen Schemel und zündet die roten Lichter an. Dann gibt sie mir warme Handschuhe und einen Schal, die sie für mich schon im Sommer gestrickt hat. Der Junge bekommt eine dicke Jacke und eine Tabakspfeife dazu, damit er das Zigarettenrauchen nicht nötig hat und weil es der Schiffer nicht leiden mag. Dann kriegen wir beide noch etwas Geld und freuen uns mächtig darüber.

Es ist mollig warm in dem Raum. Der Grog und der Kaffee sind extra stark, und wenn auch in meiner Harmonika schon einige Stimmen fehlen, so klingen die alten Weihnachtslieder doch ganz traulich und schön. Der Junge raucht seine neue Pfeife. Er wird blasser und blasser dabei, so daß ich ihn schließlich hinausbringen muß. Von irgendwoher klingen Glocken. Vielleicht ist es Stettin. Dort läuten sie jetzt die Weihnacht ein. Wir liegen noch lange wach in der Koje und hören das Klirren und Sirren des Eises, Das klingt uns auch so wie Weihnachtsglocken.                                                                                         (HGL.)

Quellen: Artikel und Zeichnung aus Pommersche Zeitung, Stettin, 25.12.1935, Seite 15, via  ZEFYS Zeitungsinformationssystem der Staatsbibliothek zu Berlin; Foto oben: Karen Feldbusch, Februar 2014 bei Frauendorf/ Stettin

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