Zufallsfunde

Die Katastrophe bei Züllchow

Züllchow in einer Oderansicht aus dem Jahr 1942, Foto via sedina.pl

Selten hat wohl ein Unglück in unserer Stadt eine solche Aufregung hervorgerufen, als die gestrige Schiffskatastrophe bei Züllchow und wahrlich, diese Aufregung war nicht unbegründet, denn verschiedene Schulen hatten für gestern ihre Sommerausflüge per Dampfer vorgenommen, und als sich am Nachmittag mit Windeseile die Nachricht verbreitete, ein Dampfer mit zahlreichen Kindern an Bord sei bei Züllchow untergegangen, knüpften sich daran die widersprechendsten und unkontrollierbarsten Gerüchte, sodass alle Eltern, deren Kinder an einem Schulfest teilnahmen, die Besorgnis hatten, ihre Kleinen wären von dem Unfall betroffen.

Es entwickelte sich denn auch bald am Bollwerk ein sehr lebhafter Verkehr, in Angst und Sorge kamen die Eltern herbeigestürzt, um sich über das Schicksal ihrer Kinder zu erkundigen und es währte lange, bis überall die beruhigende Gewissheit vorhanden war, dass keines der Schulfestschiffe von dem Unfall betroffen sei, aber trotzdem lastete die schreckliche Katastrophe belastend auf der ganzen Bevölkerung und manche Träne, auch von Unbeteiligten, floss bei dem Mitempfinden über den schweren Schlag, welcher verschiedene Familien betroffen.

Am höchsten stieg die Aufregung am Bollwerk zu Züllchow, in dessen nächster Nähe sich die Katastrophe abspielte und wo sich viele Augenzeugen derselben aufhielten, hier trafen fortgesetzt bis zur späten Abendstunde Tausende mittelst Schiff und Straßenbahn ein und waren Zeugen vieler aufregender und herzzerreißender Szenen, wobei sich wieder zeigte, dass auch fremdes Unglück tiefempfundenes Mitgefühl hervorruft, denn nicht nur die Neugierde hatte Viele nach dort gezogen, sondern überall zeigte sich auch das Bestreben, helfend und tröstend beizustehen.

Über die Katastrophe selbst lässt sich Folgendes mitteilen: Mit dem 1 1/2 Uhr von Stettin abgehenden Tourdampfer pflegen täglich die Kinder der Bewohner der Oderabwärts gelegenen Ortschaften, welche die Schulen in Grabow und Stettin zu besuchen, aufzusteigen, gestern hatte der Feuerloh’sche Dampfer „Fürst Blücher“, Kapitän Winter, diese Tour, es waren bis nahe Bredow ca. 50 Billette verkauft, außerdem hatten zahlreiche abonnierte Kinder auf dem Dampfer Platz genommen, in Züllchow stiegen noch zwei Steuerbeamte auf.

Als der Dampfer „Blücher“ an der Züllchower Haltestelle ablegte, kam der Dampfer „Götze“ von Stettin, um an der Landungsbrücke anzulegen, gleichzeitig aber auch der Dampfer „Pölitz“, Kapitän Ehrke, von Pölitz, welcher ebenfalls anlegen wollte. Was die nächsten Minuten brachten, ist nicht völlig aufgeklärt, die eingeleitete Untersuchung wird darüber wohl Licht schaffen, es ertönte plötzlich ein vielstimmiger Schreckensschrei, der Dampfer „Pölitz“ war an der Backbordseite tief in den Dampfer „Blücher“ hineingefahren. Es folgten nun die wildesten Verzweiflungsszenen an Bord der Dampfer, schnell wurde versucht, die Passagiere des „Blücher“ an Bord des „Pölitz“ zu schaffen, aber der „Blücher“ sank so schnell, dass an eine allseitige Rettung nicht mehr zu denken war und Viele mit dem Schiffe in die Tiefe gerissen wurden, besonders konnten die in der Kajüte des „Blücher“ Befindlichen nicht mehr befreit werden. In anerkennenswerter Eile und mit Eifer erschienen sofort zahlreiche Boote, die aus dem Wasser auftauchenden Personen zu retten und vielfach gelang dies auch.

Entsetzlich ist es dem Arbeiter Butze aus Glienken ergangen, derselbe war gestern nach Stettin gekommen, um seine kranke Frau aus Bethanien abzuholen, zwei Kinder begleiteten ihn, die ganze Familie befand sich auf dem „Blücher“, und nur dem Manne gelang es, sich zu retten, händeringend stand er am Ufer und beklagte sein Unglück.

Wie viel bei der Katastrophe ihren Tod gefunden, ist nicht eher festzustellen, als bis die heute an der Unglücksstätte begonnenen Taucherarbeiten beendet sind, durch welche die in der Kajüte des „Blücher“ befindlichen Leichen gehoben werden sollen; zweifellos sind zu den Toten zu zählen: zwei Kinder des Rentiers Wellnitz in Bollinken, die Tochter des Büffetiers Peters aus Gotzlow (Weinberg) und aus Stolzenhagen je ein Kind des Bauerngutsbesitzers Krüger, des Bauern Grensing, des Maurermeisters Schmidt, des Bäckermeisters Schulz und des Zieglermeisters Twieg.

Heute Vormittag wurden die Leichen von neun Personen gehoben, darunter die der beiden Wellnitz’schen Kinder und einer Frau, einer Mutter von neun Kindern.

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Ergänzungen: Später ist zu lesen, dass die Katastrophe von Züllchow im Ganzen 15 Opfer gefordert haben soll, darunter 10 Kinder. Der Dampfer „Blücher“ wurde gehoben und auf der Werft der „Oderwerke“ eingedockt. Die vorläufige polizeiliche Untersuchung hat ergeben, daß die Verantwortlichkeit für das furchtbare Unglück den Capitän Ehrke des Dampfers „Pölitz“ trifft.

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Am 19.6.1899 wurden für die folgenden Personen vom Standesamt Züllchow erstellt. Für eine weitere bei dem Unglück umgekommene Person konnte ich keinen Nachweis finden.

Zu Züllchow auf der Mitte der Oder dem Freistaden gegenüber am 16. Juni 1899 nachmittags um ein einhalb Uhr mit dem Dampfschiffe Blücher ertrunken

Wilcke, Auguste, geb. Grey, geb. 7.6.1858 Stettin, wohnt in Grabow, Frankenstr. 8 (?) [so!], Ehemann: Carl Wilcke Eltern: Johann Grey und Auguste Siebert (Urk.-Nr. 111/1899)

Linowski, Anna, geb. Vollmann, geb. 9.8.1868 Warsow, wohnt in Gliencken, Ehemann: Alphons Linowski, Eltern: Johann Vollmann und Louise Schmidt (Urk.-Nr. 112/1899)

Linowski, Maria, geb. 24.3.1892 Warsow, wohnt in Gliencken, Eltern: Alphons Linowski und Anna Vollmann (Urk.-Nr. 113/1899)

Wellnitz, Alfred August Wilhelm, geb. 3.12.1887 Bollinken,wohnt in Bollinken, Eltern: Eigentümer August Wellnitz und Agnes Goldmund (Urk.-Nr. 114/1899)

Wellnitz, Elfriede Hertha, geb. 27.3.1889 Bollinken, wohnt in Bollinken, Eltern: Eigentümer August Wellnitz und Agnes Goldmund (Urk.-Nr. 115/1899)

Krüger, Johannes, geb. 1.6.1887 Gotzlow, wohnt in Stolzenhagen, Eltern: Bauerhofsbesitzer August Krüger und Auguste Nock (116/1899)

Twieg, Robert, geb. 29.11.1888 Stolzenhagen, wohnt in Stolzenhagen Ausbau, Eltern: Robert Twieg und Laura Schultz (117/1899)

Schmidt, Minna, geb. Ewert, geb. 7.1.1877 Grabow, wohnt in Grabow, Blumenstr. 4, Ehemann: Richard Schmidt (Urk.-Nr. 118/1899)

Putze, Bruno, geb. 18.10.1896 Stettin, wohnt in Gliencken, Steinstr. 7, Eltern: Arbeiter Robert Putze und dessen verst. Ehefrau Maria Mielke (Urk.-Nr. 119/1899)

Putze, Kurt, geb. 11.4.1894 Stettin, wohnt in Gliencken, Steinstr. 7, Eltern: Arbeiter Robert Putze und dessen verst. Ehefrau Maria Mielke (Urk.-Nr. 120/1899)

Putze, Maria, geb. Mielke, geb.8.2.1871 Jatznick, Kr. Ueckermünde, wohnt in Gliencken, Steinstr. 7, Ehemann: Arbeiter Robert Putze, Eltern: Carl Mielke und der Name der Mutter ist unbekannt (Urk.-Nr. 121/1899)

Peters, Martha Emma, geb. 10.9.1886 Stettin, wohnt in Stettin, Falkenwalderstr. 6, Eltern: Lohndiener Ferdinand Peters und Bertha Otto (Urk.-Nr. 122/1899)

Ewert, Otto Willi Ernst, geb. 28.9.1888 in Grabow, wohnt Grabow, Kochstr. 12, Eltern: Arbeiter Theodor Ewert und Johanna Lübke (Urk.-Nr. 123/1899)

Schultz,  Otto, geb. 19.12.1887 Stolzenhagen, wohnt in Stolzenhagen, Eltern: Bäckermeister Otto Schultz und Emma Nock (Urk.-Nr. 124/1899)

Alle Urkunden wurden am 19. Juni 1899 im Standesamt Züllchow auf Anzeige des Amtes Bredow ausgestellt.

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Quellen und Bemerkung:

Der Artikel erschien in Pommersche Zeitung Nr. 141 vom 18.6.1899, S. 1 und 2,  Link: http://zbc.ksiaznica.szczecin.pl/dlibra/publication?id=19685&tab=3, leicht bearbeitet.

Ergänzungen dies. Nr. 142 vom 19.6.1899, S. 2 und

Der Deutsche Correspondent vom 18.6.1899, via Library of Congress, Link:  http://chroniclingamerica.loc.gov/lccn/sn83045081/1899-06-18/ed-1/seq-1/

Sterbeurkunden via Ancestry.de, Sammlung Östliche preußische Provinzen, Polen, Personenstandsregister 1874-1945 -> Achtung: Die Namen der Toten sind von Ancestry nicht indexiert und deshalb nicht über die Namenssuche, sondern nur durch Blättern in den Digitalisaten zu finden!

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